Donnerstag, 11. Oktober 2018

angst

ganz langsam frisst mich diese angst auf 
es kam ganz schleichend
immer wieder und wieder hab ich im letzten jahr gemerkt 
wie sie kommt 
mich einnimmt 
einschlingt 
ich habe gemerkt, dass es schlimmer wird 
dass ich ganz langsam nicht mehr kann 
das alles viel zu viel ist 
und mein gehirn nicht hinterherkommt dass alles zu verarbeiten 
ich hab alle warnsignale gesehen 
und doch weitergemacht 
immer weiter 
du schaffst das 
mach noch dies 
mach noch das 
kümmer dich um deine krebskranke mutter 
und um all deine freunde 
und um ihn 
sei seine therapeutin 
und beste freundin 
und geliebte 
und dabei vergaß ich ganz das wichtigste 

mich 

ich hab mich vergessen 
ich hab meine probleme vergessen 
meine gefühle 
meine bedürfnisse 
meine pausen 
ich hab mich einfach vergessen 
in der ecke stehen lassen 
und immer weitergemacht 
für alles und jeden 
nur nicht für mich 

ich will dieses studium unbedingt schaffen 
will mir und allen anderen beweisen, dass ich es kann 
aber es frisst mich auf 
und ich gestehe es mir nicht ein 

ich hab mir hier ein leben aufgebaut 
ich mag die stadt 
mag meinen kleinen (kaum vorhandenen) kreis 
ich mag es, dass ich nicht so viele stunden in der uni sein muss 
ich mag es, dass die menschen eine andere sprache sprechen 
ich mag ihn 
ich mag ihn 
ich mag ihn 
ich mag so vieles 

und doch ist es schwieriger, 
wenn kaum jemand deine muttersprache spricht
 wenn die ärzte dich nicht verstehen 
du keinen therapieplatz bekommst
deine mutter mit krebs im endstadium zu hause sitzt 
dein vater so tut als wärst du jetzt plötzlich erwachsen und er muss nichts mehr tun 
deine eltern sich nie bei dir melden 
du deine freunde kaum siehst 
dich in der wohnung nicht so wohl fühlst 
du dich klein fühlst, jung fühlst 
und dabei wolltest du nur erwachsen sein 
wolltest allen zeigen dass du es kannst 
wolltest deinen traum verwirklichen 
und dabei ist es viel zu viel 

und du hast angst, dir genau das einzugestehen 
deshalb entwickelt deine psyche psychosomatische beschwerden 
hypochondrie 

es tut mir leid, v. 
dass ich nicht vorher reagiert habe
 und es tut mir leid, dass ich nicht zu 100% weiß, was ich machen soll 
du willst weiter hier studieren und dieses leben leben 
aber du brauchst hilfe 
und zwar schnell 
weil alles in dir schreit 
und weint 
und kämpft 
und zittert 
weil du nicht mehr kannst 
weil du schon lange nicht mehr kannst 

deshalb hüllt dich deine psyche in eine blase voller benommenheit 
damit du möglichst wenig mitbekommst 
möglichst wenig aushalten musst 
und dich auf dich konzentrieren musst 
darauf, dass dir nichts passiert 

aber weißt du, ich kann das grade nicht 
ich will hilfe 
aber wie ? 
du kümmerst dich um den therapieplatz und sprichst mit deinem psychiater 
aber das alles hilft dir nicht wirklich 
du brauchst jetzt radikale, schnelle und tiefgreifende hilfe 
jetzt jetzt jetzt 
und gleichzeitig willst du das alles hier nicht aufgeben

also was machst du bloß ? 
hm ? 
irgendeine idee? 

bitte, liebe psyche
 schick mir ein zeichen 
sag mir was du willst 
was du brauchst 
was ich tun soll 
denn ich weiß es nicht 
ich weiß nur, dass ich irgendwas tun muss 
bevor es mich auffrisst 
und zerstört 
bevor irgendwas schlimmes passiert 
 

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